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# 70 Über die Grenzen hinaus: Liebe und Angst um eigenes Kind

Lange habe ich überlegt, ob ich folgenden Beitrag schreibe, und noch länger habe ich gebraucht, um das Geschehene zu verarbeiten.

Aber ich habe mich entschieden es mit euch zu teilen, denn ich bin mir sicher, ich bin nicht die einzige, die so fühlt und deren ähnliches widerfahren ist.

Heute geht es um die tiefsten Gefühle der Eltern, ja vielmehr der Mütter, um die Gefühle zu eigenem Kind.

 

Welche Mutter kennt es nicht: die grenzenlose Liebe zu eigenem Kind, gleichzeitig mit einer Beimischung aus Ugeduld, Wut, Enttäuschung und natürlich einer zimlichen Portion Angst. Die Gefühlsrezeptur ist je nach Tagesform, Geschehen oder Alter unterschiedlich. Doch aus eigener Erfahrung muss ich sagen, Liebe und Angst sind bei mir am meisten vertreten.

 

Es war ein schöner Ausflug nach Straßburg, sonniges Wetter, nette Menschen, wunderhübsche Gässchen und leckeres Essen. Der Petzi wollte unbedingt sein neues großes Fahrrad mitnehmen, doch ich meinte, er kennt die Stadt nicht und kann deshalb nicht alleine mit dem Rad dort unterwegs sein. Wir haben uns auf einen Roller geeinigt.

 

Da es recht voll an einem Samstag mitten in der Altstadt war, zum Teil so, dass man sich durchdrängen musste, war der Petzi immer in der Nähe. In dieser Menschenmenge konnte man nicht weit mit dem Roller vorfahren, an manchen Stellen konnte man überhaupt nicht fahren.

Wir haben den Ausflug genossen und waren auf dem Rückweg zum Auto. Es war schon etwas leerer auf den Wegen, der Kurze hatte die Gelegenheit genutzt und hat Gas gegeben.

Wir biegen um die Ecke, er ist nicht da. Kurze Pause zum Überlegen, schnelles Umschauen, ob er irgendwo an der Seite wartet, wir sind noch ruhig.

Wir teilen uns auf zum Suchen und sagen, dass wir uns wieder an derselben Stelle treffen. Wir gehen in verschiedene Richtungen und schauen nach dem Jungen. Ich bin noch ruhig, ich weiß, er fährt nie zu weit. Meist wartet er gleich an der Ecke.

Doch da ist mein Junge auch nicht. Ich habe noch Hände voll mit irgendwelchen Einkäufen und Kuscheltieren, ich sehe noch wie eine entspannte Touristin aus, die sich ordentlich alles in Straßburg einprägt. Da um die Ecke geschaut, da in die Gasse reingelunzt...

Ich kehre zurück mit der Überzeugung, dass mein Mann den Jungen an der Hand hat. Schon aus einigen Metern Entfernung sehe ich, dass es nicht der Fall ist.

Mein Körper fängt an zu beben und zu zittern, ich presse meine Hand gegen den Mund um nicht ausfzuschreien, meine Sonnenbrille verdeckt meine Augen. Ein junges Pärchen steht seit einiger Zeit an der Brücke und beobachtet uns, mir wird kurz klar, dass sie verstehen, dass wir was verloren haben. Ich überlege in Sekundenbruchteilen, ob sie verstehen, dass wir ein Kind verloren haben.

Jetzt wird es ernst, ich habe es gedacht, MEIN KIND IST VERLOREN!

Doch mein Mann sagt zu mir, wir müssen ruhig bleiben, wir müssen weiter suchen. Ich nicke, lege die Sachen aus meinen Händen auf den Bürgersteig neben dem Pärchen, das uns mit traurigen Augen beobachtet, und laufe los. Diesmal laufe ich, in meinem Kopf spielt sich ein Kopfkino ab: was, wenn jemand ihn mitgenommen hat, wenn ein Auto angehalten hat und er reingesetzt wurde, wenn jemand die Tür eines Hauses aufgemacht hat und hinter ihn wieder verschlossen.... Diese Gedanken kreisen in meinem Kopf, während ich inzwischen schon panisch denselben Weg ablaufe.

Auch diesmal kehre ich zurück in der Hoffnung, dass mein Mann den Buben an der Hand hat. Ich werde brutal in die Realität gezerrt, als ich sehe, dass auch mein Mann mit leeren Händen und blassem Gesicht da steht. Er sieht, dass der Junge nicht an meiner Hand ist, er greift zum Handy und überlegt panisch welche Notfallnummer man in Frankreich hat.

Mein Körper fällt in sich zusammen, ich sinke langsam an der Wand neben dem Pärchen, denen jetzt ziemlich klar ist, wen wir verloren haben. Ich erzähle ihnen kurz, dass wir unseren Sohn verloren haben; sie fragen, wie er aussieht. Ich beschreibe ihnen welche Kleidung und Haare er hat, während ich mir paralell schon im Kopf vorstelle, wie ich den Polizisten die Fotos von meinem Jungen auf der Kamera zeige, die wir nur Stunden zuvor gemacht haben.

Ich höre wie mein Mann auf Englisch fragt, ob die Polizei auch Englisch spricht, und ich höre wie jemand weint. Ein Kind.

Wir drehen uns um. Zuerst sehen wir den blauen Roller, gleich danach auch unseren Jungen. Er wird an der Hand einer älteren Dame geführt und weint. Hinter ihm gehen ein paar weitere Erwachsene, die seinen Roller schieben. Ich fliege zu meinem Kind, schließe ihn in die Arme, heule lautstark und will ihn nie wieder loslassen.

 

Solche Angst im Leben hatte ich noch nie, und ich will es nie wieder erleben. Die grenzenlose Liebe und die grenzenlose Angst haben mich in dieser halben Stunde absolut eingenommen, sie sind verschmolzen miteinander, und um die Angst wieder zu vergessen, bedarf es Zeit.

Ich möchte auf keinen Fall, dass die Kindheit meines Kindes von meiner Angst erfüllt wird. Dass er nie wieder alleine unterwegs sein kann, auf hohe Bäume klettern kann, schneiden und schnitzen kann oder alleine bei Freunden übernachten kann. Die Liste der Ängste hat kein Ende, doch ich möchte sie nicht in unserer Beziehung present haben.

Es hat ein paar Tage gedauert, bis wir uns von dem Schock erholt haben. Ich habe es fast vergessen.

Der Bub darf wieder weit vorfahren, alleine über die grüne Ampel fahren und sein Können und seine Selbstständigkeit auskosten. Doch jetzt machen wir klare Treffpunkte aus, er muss auswendig seinen Namen, Adresse und die Namen seiner Eltern kennen. Wir haben mehrmals besprochen, was er in solchen kritischen Situationen tun soll.

Ich hoffe nur, er muss es nie anwenden.

 

P.S. Natürlich wie auch sonst, wurden die Bilder vom Petzi gemacht, um sein neues Lille-Outfit abzulichten: das Shirt aus Jersey von enemenemeins nach dem SM aus der Ottobre und die Hose aus dem grünem Jeansjersey, ebenfalls nach dem SM aus der Ottobre.

Ich freue mich sehr über eure Kommentare, und ggbf eure eigenen Geschichten, denn das Schreiben lässt die Gefühle frei, sie lasten nicht mehr schwer auf  dem Herzen, sondern werden federleicht und durchscheinend.

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